Wenn aus Community „Consumity“ wird

Mein Plan war simpel: Ich will an einer Veranstaltung in Karlsruhe teilnehmen, mir fehlt ds Geld, vielleicht klappt Couchsurfing? Doch die Realität dieser einstigen Vision von Gastfreundschaft ist ernüchternd geworden. Es ist mittlerweile ein seltenes Glück, überhaupt eine Antwort zu erhalten; meistens herrscht in den Postfächern gähnende Leere. 

Bei meinem Gastgeber Michael hatte ich Glück, er war freundlich und offen. Doch er kam gleich auf den Punkt. Couchsurfing soll kultureller Austausch sein. Eine einzige Übernachtung reicht kaum aus, um sich wirklich kennenzulernen oder gar einen echten Austausch zu pflegen. 

Ich entschied mich kurzerhand, meinen Termine abzusagen, um dem Gespräch den Raum zu geben, den die Plattform eigentlich verspricht. Doch schon am nächsten Morgen war die Zeit vorbei, der Alltag wieder verplant.

Dieses Erlebnis steht sinnbildlich für den Wandel einer ganzen Branche. In den großen Metropolen suchen vor allem junge Reisende heute oft nur noch eine kostenlose Schlafstelle für eine Nacht, während das Umland – wie etwa meine Heimat bei Zürich – völlig ignoriert wird. Couchsurfing hat sich von einem idealistischen Projekt zu einer professionellen „Consumity“ entwickelt, einer Mischung aus Konsum und Community.

Der Ursprung dieser Bewegung liegt im Jahr 2004, als Casey Fenton gemeinsam mit Daniel Hoffer, Sebastian Le Tuan und Leonardo Bassani da Silveira die Plattform als Non-Profit-Organisation startete. Es war ein Experiment des Vertrauens. Doch der Idealismus hielt dem Druck des Geldes nicht stand. Im Jahr 2011 wurde das Projekt in ein gewinnorientiertes Unternehmen umgewandelt, was einen tiefen Riss durch die Gemeinschaft zog. 

Die Gründer verloren schrittweise die Kontrolle, während Investoren wie Benchmark Capital insgesamt über 22 Millionen US-Dollar in die Firma pumpten. Heute wird das Unternehmen von einer kleinen Kernmannschaft in San Francisco gesteuert, die vor allem darauf bedacht ist, die Rendite für die Geldgeber zu sichern.

Besonders deutlich wird diese Entfremdung durch die Paywall, die 2020 eingeführt wurde. Seitdem müssen Mitglieder eine Gebühr zahlen, um überhaupt auf ihre Nachrichten oder ihr eigenes Profil zugreifen zu können. Wer sich weigert, wird ausgesperrt und verliert den Zugriff auf seine über Jahre aufgebauten Kontakte. 

So erging es auch einer Gastgeberin, die ich nur deshalb noch erreichen konnte, weil wir glücklicherweise Nummern ausgetauscht hatten. Von den offiziell gefeierten 12 Millionen Mitgliedern ist heute ohnehin nur noch ein winziger Bruchteil wirklich aktiv; die Plattform ist zu einem „Geister-Netzwerk“ aus alten Karteileichen geworden.

Man muss sich fragen, ob Airbnb ohne diese Vorarbeit überhaupt hätte entstehen können. Couchsurfing machte das Übernachten bei Fremden gesellschaftsfähig, doch Airbnb hat daraus ein eiskaltes, börsennotiertes Milliardengeschäft gemacht. Während Airbnb jedoch ehrlich in seinem kommerziellen Charakter ist – man zahlt für eine Dienstleistung, auch wenn das Modell Wohnraum vernichtet –, versteckt sich Couchsurfing hinter dem Deckmantel der Gemeinschaft. In Wahrheit ist man dort längst nicht mehr Gast oder Teil einer Bewegung, sondern das Produkt in einem renditegetriebenen System.

Auf der ITB 2026 wird viel über die „Balance im Tourismus“ und soziale Verantwortung diskutiert. Doch eine Plattform, die Dialog verspricht, ihn aber hinter einer Bezahlschranke versteckt und keine Zeit für echte Begegnung lässt, trägt nicht zur Balance bei. Wenn Reisen nur noch über Budgetierung und vorab gebuchte Unterkünfte funktioniert, bleibt die Spontaneität auf der Strecke. 

Wir brauchen diese Varianten der Begegnung dringender denn je, doch wir brauchen echte Communities statt Consumities. Wenn das menschliche Miteinander zum bloßen Abwiegeln verkommt, ist ein Hostel wie von a&o die ehrlichere Wahl. 

Dort gibt es auch ein Community Projekt

Clubangebot von AO Hostels

Dort zahlt man für ein Bett, ohne eine Freundschaft heucheln zu müssen, für die in diesem System ohnehin niemand mehr Zeit hat. Sonst bleibt am Ende nur ein fader Beigeschmack von Schmarotzertum.

Vielleicht gibt es doch Hoffnung. Stellen wir uns vor, ein Land wie Mexiko würde die ursprüngliche Idee von Couchsurfing aufgreifen und sie zu dem machen, was sie im Kern sein sollte: gelebte Gastfreundschaft als Teil einer nationalen Tourismusstrategie. Ein Modell, das nicht auf Datenmonetarisierung setzt, sondern auf echte Begegnung. Wir brauchen diese Form der Verbindung dringender denn je – doch wir brauchen sie als ehrliche Community, nicht als kontrollierte Consumity.